Inhaltsverzeichnis:
- Medizinischer Dienst Berlin-Brandenburg bestätigt zahlreiche Fehler
- Pflegebereich mit überdurchschnittlich vielen Fehlern
- Fehlende Meldepflicht und rechtliche Hürden
- Forderungen nach Fehlerkultur und gesetzlicher Sicherheit
Medizinischer Dienst Berlin-Brandenburg bestätigt zahlreiche Fehler
Fast jeder dritte überprüfte Fall in Berlin und Brandenburg war fehlerhaft. In 29,8 Prozent der Fälle führte der Fehler zu einem gesundheitlichen Schaden. Die Begutachtung erfolgt auf Antrag der Krankenkassen, sobald Patientinnen oder Patienten einen Verdacht äußern. Der Medizinische Dienst prüft dann unabhängig, ob ein Fehler vorlag und ob dieser einen Schaden verursachte.
Axel Meeßen, Vorstandsvorsitzender des Medizinischen Dienstes, betonte, dass die Aufklärung über mögliche Behandlungsfehler Betroffenen helfe, das Erlebte besser zu verarbeiten. Die Gutachten geben zudem Orientierung für das weitere Vorgehen.
Deutschlandweit wurden 2024 etwa 3.700 Behandlungsfehler festgestellt. In 76 Prozent dieser Fälle entstanden gesundheitliche Schäden. Laut einer internationalen Forschungsanalyse sind vor allem falsch diagnostizierte Krebserkrankungen (37,8 Prozent), vaskuläre Ereignisse (22,8 Prozent) und Infektionen (13,5 Prozent) die häufigsten Ursachen schwerwiegender Diagnosenfehler.
Weitere Informationen über aktuelle medizinische Entwicklungen in der Hauptstadt finden Sie unter Berliner Charité zwischen Hoffnung und Sparkurs.
Pflegebereich mit überdurchschnittlich vielen Fehlern
Besonders auffällig ist der Bereich der Pflege. Hier werden rund 61 bis 67 Prozent der gemeldeten Fehler bestätigt – mehr als in anderen medizinischen Sektoren. Hauptursachen sind Personalmangel und Überlastung. Pflegefehler lassen sich zudem oft leichter nachweisen.
Laut Medizinischem Dienst bilden die registrierten Zahlen jedoch nur einen Bruchteil der tatsächlichen Fälle ab. Da es in Deutschland keine zentrale Erfassung gibt, ist die Dunkelziffer hoch. Der Medizinische Dienst Bund schätzt, dass bei etwa einem Prozent aller stationären Behandlungen Fehler mit vermeidbaren Schäden auftreten. Das entspricht rund 168.000 betroffenen Patientinnen und Patienten jährlich, darunter etwa 17.000 Todesfälle.
Mehr Hintergründe zu den Arbeitsbedingungen im Gesundheitswesen bietet dieser Bericht über überlastete Berliner Notaufnahmen.
Fehlende Meldepflicht und rechtliche Hürden
Der Medizinische Dienst und Patientenvertreter kritisieren, dass Deutschland im Gegensatz zu vielen europäischen Ländern keine verpflichtende Meldepflicht für Behandlungsfehler hat. Viele Patientinnen und Patienten erfahren nie, dass sie Opfer medizinischer Fehler wurden. Die Krankenkassen und der Medizinische Dienst werden nur tätig, wenn ein Verdacht gemeldet wird.
Rechtlich ist die Situation für Patienten schwierig. Sie müssen nachweisen, dass ein Fehler vorlag und der Schaden daraus entstand. Nur bei groben Behandlungsfehlern kehrt sich die Beweislast um. Fehlt eine Dokumentation, gilt dies als Hinweis, dass ärztliche Maßnahmen nicht durchgeführt wurden. Die Beantragung eines Gutachtens beim Medizinischen Dienst ist kostenfrei.
Eine detaillierte Darstellung zu rechtlichen Fragen im Gesundheitswesen finden Sie unter Hausarztpflicht vor Facharztbesuch geplant.
Forderungen nach Fehlerkultur und gesetzlicher Sicherheit
Patientenschutzverbände, das Aktionsbündnis Patientensicherheit und Ärztekammern fordern die Einführung einer verbindlichen Meldepflicht für schwerwiegende, vermeidbare Vorfälle. Dazu zählen Patientenverwechslungen oder im Körper verbliebene OP-Materialien. Nur eine solche Transparenz könne langfristig zur Verbesserung der Patientensicherheit beitragen.
Als Vorbilder gelten Schweden und Dänemark, wo ein sanktionsfreies Meldesystem existiert. Fehler werden anonym gemeldet, um aus ihnen zu lernen, nicht um zu bestrafen. Zudem fordern Fachverbände die gesetzliche Einführung standardisierter Sicherheitsmaßnahmen wie Checklisten, das Vier-Augen-Prinzip und strukturierte Übergaben bei Schichtwechseln.
Mehr Fachpersonal und bessere Arbeitsbedingungen gelten als zentrale Voraussetzungen, um Fehler künftig zu vermeiden. Nur mit ausreichender Zeit und Ausstattung können Ärztinnen, Pfleger und Pflegerinnen die hohen Anforderungen im Klinikalltag erfüllen.
Quelle: rbb24, webrivaig.com/de